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„Wir wollen jeden Tag noch besser werden“

„Wir wollen jeden Tag noch besser werden“

Auf solch eine lange Firmengeschichte können in Deutschland nur wenige Maschinenbauer zurückblicken. Die Rede ist von der J.D. Neuhaus GmbH & Co. KG, deren Wurzeln bis ins Jahr 1745 zurückreichen. Was sind die Erfolgsgeheimnisse des heute in siebter Generation noch immer familiengeführten Hebezeugherstellers aus dem Ruhrgebiet? Darüber gibt Wilfried Neuhaus-Galladé (links im Bild), geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens, Auskunft.

Herr Neuhaus-Galladé, 275 Jahre Industriegeschichte haben die Entwicklung Ihres Unternehmens geprägt. Was waren aus der Kenntnis der Historie heraus die wichtigsten Eckpfeiler der unternehmerischen respektive technologischen Entwicklung?

Wilfried Neuhaus-Galladé: Das alles entscheidende Ereignis fand am 9. September 1745, unserem Gründungsdatum statt. An diesem Tag machte sich der Schmied Johann Diederich Conrad Neuhaus aus Heven auf den Weg zur Prüfungskommission der Sprockhövelschen Fabrick. Im Gepäck hatte er eine Holzschaftwinde, sein Meisterstück, das er der Kommission vorlegen wollte. Nach eingehender Prüfung dieser Winde wurde Neuhaus für würdig befunden, als Meister in die Sprockhövelsche Fabrick, eine Art Handelsgenossenschaft, aufgenommen zu werden. Zu den wichtigsten Abnehmern der Produkte zu jener Zeit zählten der aufstrebende Bergbau und das von ihm abhängige Transportgewerbe. Die Wege waren seinerzeit aber miserabel. Achsen- und Speichenbrüche der Kohlenkarren waren an der Tagesordnung. Um die Achsen beziehungsweise Räder zu wechseln, leisteten Neuhaus-Winden hilfreiche Dienste – und waren daher sehr gefragt. Ein weiteres Highlight lässt sich auf das Jahr 1952 datieren, als wir auf die Idee kamen, den bis dahin üblichen Handantrieb an Hebezeugen durch einen Druckluftmotor zu ersetzen. Dies war zunächst im Untertagebergbau eine höchst willkommene Erleichterung der schweren Arbeit. Denn mit unseren Druckluft-Hebezeugen konnten die Kumpel deutlich schneller und vor allem auch sicherer arbeiten. Luft macht keine Funken, wie wir immer sagen. Die Nutzung der Druckluft-Hebezeuge eliminierte also eine potenzielle Gefahrenquelle für Explosionen. Die folgenden Jahre belieferten wir fast ausschließlich den Bergbau, bis wir 1966 die ersten Druckluft-Hebezeuge der Profi-Serie für weitere Industriezweige auf den Markt brachten. Hierzu zählten zum Beispiel die chemische Industrie wie auch Werften, für die wir 1979 das weltweit erste Druckluft-Hebezeug mit einer Tragfähigkeit von 100 Tonnen bauten. Vor etwa zwei Jahren brachten wir dann die Hebezeuge der Mini-Serie auf den Markt: die ersten Hebezeuge mit NFC-Tag und Service-App.

Wie haben sich die Veränderungen in Ihrer Kundenstruktur auf die Vertriebsorganisation ausgewirkt?

Wilfried Neuhaus-Galladé: Meine erste Herausforderung bei meinem Eintritt in unser Unternehmen bestand in der Anpassung an den wirtschaftlichen Strukturwandel. Der einst wichtige Wirtschaftszweig, der deutsche Bergbau, verlor nach und nach an Bedeutung. Stattdessen rückten globale Märkte in den Fokus. Der Aufbau einer weltweiten Vertriebsorganisation mit Distributoren und Tochtergesellschaften in den USA, Frankreich, Großbritannien und Singapur steigerte den Exportanteil im Laufe der Jahre auf heute mehr als 80 Prozent. In einer vernetzten und globalen Welt besteht die Anforderung für uns, als eine einheitliche Firmengruppe gegenüber unseren Kunden aufzutreten. Die Einführung eines zentralen und gruppenweiten Customer-Relationship-Management-Systems stellt sicher, dass jeder JDN-Vertriebsmitarbeiter unsere Kunden überall auf der Welt kennt. Außerdem arbeiten wir weltweit mit Distributoren zusammen, die uns in vielen Märkten Türen öffnen und somit für eine hohe Reichweite sorgen.

Seit der Firmengründung durch Johann Diederich Conrad Neuhaus im Jahre 1745 ist das Unternehmen jetzt in 7. Generation im Familienbesitz und gehört damit zu den ältesten noch in Gründerhand befindlichen Maschinenbauunternehmen in Deutschland. Was sind die Geheimisse des Erfolgs?

Wilfried Neuhaus-Galladé: Ich glaube, das Geheimnis unseres Erfolgs liegt darin begründet, dass wir uns in jeder Generation nicht mit dem Erreichten zufriedengeben, sondern unaufhörlich weiterdenken, immer noch besser werden wollen. Wir wollen fortschrittlich und innovativ sein. Dazu trugen und tragen stets auch die Mitarbeiter bei, die diesen Weg mit uns gehen. In jeder Generation waren die Herausforderungen unterschiedlich, doch die Wertevorstellung jeder Generation sind und werden in Zukunft die gleichen sein. Unsere Mitarbeiter tragen diese Werte in jedes Hebezeug hinein, genau so trägt die Familie die Werte weiter in jede Generation.

Auf der Website Ihres Unternehmens definieren Sie als Markenversprechen „275 years of excellence“. Ein hoher Anspruch. Wie erfüllen Sie diesen?

Wilfried Neuhaus-Galladé: Wir verstehen dieses Markenversprechen mehr als ein ständiges Streben nach Exzellenz. Dabei spielen unsere Werte eine essentielle Rolle. Unsere drei Wertepaare Tradition & Innovation, Performance & Langlebigkeit sowie Partnerschaftlichkeit & Leidenschaft setzen den Grundstein für unser tägliches Handeln. Das Management und alle Mitarbeiter streben danach, sich jeden Tag zu verbessern. Eindeutig definierte Feedback-Schleifen und eine möglichst effiziente Kommunikationsstruktur unterstützen uns bei diesem Ansinnen. Strategien wie just in time oder das Pull-System haben nicht nur Einfluss auf unsere Produktion, sondern auch auf den Vertrieb oder den Einkauf. Wir sind davon überzeugt, dass Methoden wie Kanban nur dann ihren vollen Nutzen entfalten, wenn die Werte und die Systeme klar definiert und kommuniziert werden. Diese ganzheitliche Sicht auf das Streben nach Exzellenz hat uns in den vergangenen Jahren zu dem Unternehmen gemacht, das wir heute sind. Daher haben wir uns im Rahmen unseres 275. Firmenjubiläums von unserem Markenversprechen „engineered for extremes“ gelöst und das beschriebene Streben nach permanenter Exzellenz in unsere Marke eingefügt.

Durch welche Merkmale zeichnet sich die JDN-Unternehmenskultur aus?

Wilfried Neuhaus-Galladé: Zur Beantwortung Ihrer Frage möchte ich auf den soeben bereits skizzierten „JDN-Weg“ verweisen – und hier speziell auf das Thema Partnerschaftlichkeit. In unserer Organisation begegnen wir uns alle auf Augenhöhe. Nur durch gegenseitigen Respekt lässt sich ein exzellentes Ergebnis erreichen. In den vergangenen Jahren hat sich in unserer Unternehmenskultur einiges verändert. Lassen Sie es mich folgendermaßen formulieren: Unsere Unternehmenskultur ist spürbar moderner geworden. Geleitet von dem Gedanken, die beste Qualität zu schaffen, arbeiten unsere Mitarbeiter nun stärker in crossfunktionalen Teams mit einem eindeutigen Kundenfokus. Noch vor einigen Jahren hat jeder in seiner Blase gearbeitet. Mit einer großen Umstrukturierung zum Beispiel unserer Bürolandschaft haben wir den Wandel hin zum Arbeiten in crossfunktionalen Teams beschleunigt, denn Arbeitswelten spielen auch hier eine maß­gebliche Rolle.

Neben den Mitarbeitern tragen innovative Produkte und deren wirtschaftliche Fertigung zu einem erfolgreichen Unternehmen bei. Dabei gilt es heutzutage aber auch, Aspekte einer nachhaltigen Produktion zu erfüllen. Wie schaffen Sie es, die damit verbundenen Ansprüche in Einklang zu bringen?

Wilfried Neuhaus-Galladé: Wenn wir in der J.D. Neuhaus Gruppe von Nachhaltigkeit sprechen, dann reden wir davon, Verschwendung zu vermeiden. Verschwendung ist nicht nur sinnlos, sie ist auch teuer, umweltschädlich und hat keinen Kundennutzen. Unser Ansatz zur Vermeidung von Verschwendung lässt sich am besten an einigen Beispielen veranschaulichen. Wie bereits beschrieben, setzen wir die Strategien just in time und das Pull-Prinzip ein. Das heißt für uns, erst wenn der Kunde tatsächlich ein Hebezeug bestellt, beginnen wir damit, dieses Hebezeug zu produzieren. Selbstverständlich mit den entsprechenden Konsequenzen für unsere internen Prozesse: Informationen sowie Teile müssen immer zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Qualität und Menge am vorgeschriebenen Ort sein. So lassen sich Bestände reduzieren, unnötige Transporte von Teilen verringern und eine Überproduktion vermeiden. Gleichzeitig wollen wir Ressourcen wie Strom und Wasser möglichst verschwendungsfrei einsetzen. So sind drei von fünf Produktionshallen auf unserem Werksgelände schon mit LED-Beleuchtungstechnik ausgerüstet. Mit modernster Abwassertechnik wollen wir den Umwelteinfluss unseres Unternehmens möglichst geringhalten. Außerdem war es uns schon früh ein Anliegen, jeden Baum auf unserem Firmengelände in ein Kataster einzutragen. Sollte es einmal erforderlich sein, dass ein Baum auf dem Gelände weichen muss, verpflichten wir uns, einen neuen Baum anzupflanzen. In den Kontext Nachhaltigkeit einzuordnen ist im Zeitalter der Digitalisierung sicherlich auch das Thema Videokonferenzen. Durch Nutzung der entsprechenden Technik ließ sich unser CO2-Fußabdruck deutlich verkleinern. Unstrittig ist aber auch, dass wir uns in diesem Bereich noch weiter verbessern müssen. Jedoch gilt auch hier das eingangs erwähnte Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung.

Welche Bedeutung messen Sie der von Ihnen angesprochenen Digitalisierung bei?

Wilfried Neuhaus-Galladé: Ich glaube, diesbezüglich müssen wir klar differenzieren. Die Digitalisierung wird Unternehmen meiner Meinung nach in drei verschiedenen Themenfeldern in die Pflicht nehmen. Themenfeld 1: Geschäftsmodelle. Wenn wir uns die Automobilbranche anschauen, so sind die Hersteller nicht mehr nur Automobilhersteller, sondern auch Mobilitätsanbieter. Ganz neue Geschäftsmodelle wie Carsharing revolutionieren die Fortbewegung in Großstädten. Themenfeld 2: Prozesse. Eines der Buzzwords des 21. Jahrhunderts ist Industrie 4.0. Maschinen, Bauteile und Menschen sollen immer vernetzter miteinander arbeiten. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es unabdingbar ist, Prozesse vor der Digitalisierung in der analogen Welt zunächst einmal zu strukturieren und zu verstehen, denn: Einmal digitalisiert, lassen sich Fehler nur noch schwer wieder beseitigen. Themenfeld 3: Produkte. Hier würde ich gerne das Beispiel der Musikindustrie anführen. Ich bin aufgewachsen mit der analogen Schallplatte, meine Kinder wachsen mit Musikanbietern wie Spotify auf. Die Innovationszyklen werden nicht nur einen Schritt nach dem andern immer schneller, sondern sie werden exponentiell zunehmen. Das heißt für die Gesellschaft und Unternehmen, dass sie vor einer extremen Aufgabe stehen, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Nur ein kleiner Spaß am Rande: Die Schwerkraft wird, so lange die Menschheit auf der Erde lebt, bestehen bleiben. Somit müssen Lasten immer angehoben werden. Wie? – Das muss jedes Unternehmen für sich selbst herausfinden.

Die Fragen stellte Winfried Bauer, Chefredakteur unserer Schwesterzeitschrift f+h

Das Unternehmen J.D. Neuhaus kann auf eine lange Historie zurückblicken. Dem Anlass angemessen begleitet die Redaktion unserer Schwesterzeitschrift f+h dieses Ereignis über das ganze Jahr. In der vor Ihnen liegenden Ausgabe gewährt Wilfried Neuhaus-Galladé, geschäftsführender Gesellschafter der J.D. Neuhaus GmbH & Co. KG, einen Einblick in die Erfolgsgeheimisse des Hebezeugherstellers. In der Juni-Ausgabe widmen wir uns dann ausführlich der JDN-Arbeitskultur.

Bildquelle: J.D. Neuhaus

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Veröffentlicht von

Martina Laun

Wenn es mir gelingt, mit den von mir ausgewählten technischen Informationen Betriebsleiter bei ihrer Arbeit zu unterstützen, ist meine Mission erfüllt.